2039 Der Sonne Entgegen - Schroeter & Berger + X

Der Sonne Entgegen

Schroeter & Berger + X

2039

Eigentumsvorbehalt:

Dieser Pokal und die Beigaben bleiben so lange Eigentum der Absender, bis sie dem / der / den Gefangenen 2039 persönlich ausgehändigt wurden. »Zur-Habe-Nahme« gilt nicht als persönliche Aushändigung im Sinne des Vorbehalts. Sollte ein Teil der Sendung nicht ausgehändigt werden, so ist dieser und nur dieser Teil unter Angabe der Gründe für die Nichtaushändigung an die Absender zurückzusenden. Der Rest ist auszuhändigen.

Zur Sache:

Die fortschrittlichste, modernste und zugleich berühmteste Person, die Zella-Mehlis je besucht hat, ist Emma Goldman. Sie war eine der wichtigsten Feministinnen, Pazifistinnen und Anarchistinnen, setzte sich für freie und gleichgeschlechtliche Liebe sowie für ein herrschaftsfreies Zusammenleben im Einklang mit der Natur ein. Eingeladen wurde sie 1932 von Anarchosyndikalisten aus Zella-Mehlis, von der gut aufgestellten Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) und der lokal ansässigen Gilde freiheitlicher Bücherfreunde. Wie es die Geschichte wollte, gehörten die Anarchosyndikalisten vor allem in Europa und Osteuropa zu den großen Verlierern; es gab keinen deutschen Staat, der sie nicht als Hauptfeind bekämpft hat. Um der auch in Zella-Mehlis abgebrochenen Geschichte der Anarchist*innen eine glänzende Zukunft zu geben, soll der Pokal Der Sonne Entgegen an eine Person oder eine Vereinigung gehen, die Sympathien für die Gedanken und Schriften der FAUD sowie der Gilde freiheitlicher Bücherfreunde hegt und bereit ist, das folgend beschriebene, kosmische Ritual zu vollenden. Wir sehen in Anarchie in keiner Weise Chaos, sondern vielmehr eine Ordnung ohne Herrschaft; eine Ordnung, in der der Mensch im gleichberechtigten Einklang mit der Natur, dem Kosmos und mit sich selbst lebt. Zella-Mehlis mit seinen herzlichen offenen Bewohner*innen, umgeben von wunderbarer Natur, scheint uns hierfür wie geschaffen. Da wir leider selbst nicht wissen, wie solch eine anarchistische Ordnung mit vorzugsweise friedlichen Mitteln erreicht werden könnte, beschlossen wir, die Aufgabenstellung an vier kluge Freund*innen von uns weiterzugeben. Sie sollten uns helfen, ein Rezept für einen mächtigen Pokal – einen Lapis philosophorum – zu entwickeln, der 2039 verliehen werden und Zella-Mehlis zu einer erstrebenswerten Zukunft verhelfen soll. Wir wählten also vier verlässliche Freund*innen aus, die der Reihe nach Antworten auf unsere Frage in Bezug zu der Antwort der vorherigen Person schicken sollten. Die letzte Person sollte dann das Ganze an uns schicken. Tatsächlich bekamen wir bereits am 1. Dezember 2020 die unerwartet umfangreiche Gebrauchsanweisung:

 

Antwort 1:

ius sui

Ihr und die Pokalträger aus dem Jahr 2039 könnt die Melancholie als Vorstufe der Anarchie durch Selbstorganisation und Selbstbestimmtheit verstehen und überwinden, wohldosierter Kosmismus soll euch dabei helfen.

Der Pokal sollte am 21. Juni 2039 zur Sommersonnenwende und zur zeitgleich stattfindenden, ringförmigen Sonnenfinsternis übergeben werden. Hiernach beginnt die Weiterverarbeitung nach gleicher Vorgehensweise wie die erste Erstellung.

Die Vorgehensweise und alle wichtigen Daten findet ihr in dem Meisterstich von Albrecht Dürer »Melencolia I« aus dem Jahre 1514. Meine Großeltern kauften 1912 eine gerahmte Kopie bei den Siegel-Brüdern in der Judengasse 26 in Straßburg. Ihr konzentriert euch hauptsächlich auf den Klotz in der rechten oberen Ecke. Dieser sogenannte Rhomboederstumpf ist die Form, die euer Pokal haben soll. Es gibt verschiedene Wege, ihn zu konstruieren. Wichtig ist, dass ihr probiert, seinen Aufbau zu verstehen, und diverse Modelle aus verschiedenen Materialien baut.

Der Rhomboederstumpf ist, wenn überhaupt, nur schwer und langsam zu verstehen, ganz wie die Anarchie. Den Stumpf nicht ganz zu verstehen, versetzt einen immer wieder in tiefe Melancholie oder gar Depression. Abgesehen davon, können wir nur spekulieren, wie die Rückseiten aussehen, denn die hat uns Dürer nicht gezeigt. Es haben sich schon unzählige Leute daran abgearbeitet, und so ist heute in jeder noch so kleinen Stadtbücherei mindestens ein mehr oder minder guter Text über diesen Meisterstich von Dürer zu finden, und auch ich habe schon 40 Seiten darüber geschrieben.

in girum imus nocte et consumimur igni

Links neben dem Rhomboederstumpf seht ihr einen Schmelztiegel mit Kohlen und eine Zange. In eurem Fall ist es so zu lesen, dass ihr den Rhomboederstumpf schmelzen und gießen müsst – andere lesen das als Alchemie. Hinweise für das zu verwendende Metall findet ihr in dem sogenannten magischen Quadrat, in der rechten Hälfte des Bildes. Abgesehen davon, dass die addierten Zahlen in jeder horizontalen und vertikalen Reihe, sowie die Zahlen der vier Quadranten, der vier Mittelfelder und die der vier Eckfelder jeweils 34 ergeben, ähnelt das magische Quadrat sehr stark dem Quadrat von Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim, veröffentlicht in »De occulta philosophia«. Dieses Quadrat ordnet von Nettesheim, wie wahrscheinlich auch Dürer, dem Jupiter zu. Der Jupiter ♃ wird wiederum mit Zinn in Verbindung gebracht, womit das Material des Pokals feststehen sollte. Ferner könnt ihr das Fünfeck des Rhomboederstumpfs mit diesem Quadrat konstruieren. Hierzu verbindet ihr die Quadrate jeweils von ihrem Mittelpunkt aus, den Zahlen von 1 bis 16 folgend, mit Linien. Wenn ihr nun noch die Kästchen 5 und 14 sowie 8 und 15 verbindet, ergibt sich in der Mitte des magischen Quadrats das Fünfeck des Rhomboederstumpfs. Die Zahlen 15 und 14 ergeben übrigens das Jahr, in dem Dürer den Meisterstich geschaffen hat. Bleiben wir bei der Zeit …

o votis date, res seret, adsit ovo

In der linken oberen Bildhälfte ist etwas Leuchtendes dargestellt. Vielfach wird das als ein Komet gedeutet, welcher auf der einen Seite einen Aufbruch und Neuanfang ankündigt oder aber für den Weltuntergang steht. Tatsächlich passiert ca. am 4. Februar 2040 der Asteroid 2011 AG5 mit Risikostufe 1 die Erde – ein äußerst seltenes Ereignis. Es deutet jedoch darauf hin, dass im Jahr 2040 mit eurem Pokal etwas Besonderes geschehen kann und das Leuchten am Himmel bei Dürer noch für etwas anderes steht. Besinnen wir uns auf den Jupiter zurück.

 

Antwort 2:

Ein schönes Vorhaben!

Zur Ergänzung schicke ich euch einen Auszug aus dem Gästebuch der Bakunin-Hütte, nahe Meiningen. Sie ist ein einzigartiges Kulturdenkmal der anarchosyndikalistischen Bewegung und war einst Treffpunkt und Ausflugsziel von Anarchist*innen, Vagabunden, Sinti und Roma und natürlich auch von den Anarchosyndikalisten aus Zella-Mehlis. Dort schrieb Herbert Levy am 15.9.1931 in das Gästebuch: »Weilte hier oben 3 schöne sonnige Tage, half nebenbei beim Bau der neuen Bakunin-Hütte. Schaufelte Steine und Sand, Mensch das war allerhand. Doch für die Anarcho-Syndikalisten würde ich auch ein Stall ausmißten«, und unterzeichnete mit Der Sonne Entgegen. Rechts daneben zeichnete er in einen Kreis eine Sonne und setzte die Abkürzung D.S.E. darunter. Links daneben entwarf er eine Menora umrahmt von einem David-Stern. Letzterer führt euch wieder zu Dürer, denn der Sechsstern ist auch in dem Rhomboederstumpf enthalten (siehe beigefügte Zeichnung). Euer Pokal soll den Namen Der Sonne Entgegen tragen, was zugleich als symbolische Handlungsaufforderung für werdende Anarchosyndikalisten dienen soll: Die Sonne, in Form der neuen Ordnung der Anarchie, soll auf die Erde geholt werden und den Menschen zu einem Leben im Einklang untereinander, mit der Natur und mit dem Kosmos verhelfen.

Antwort 3:

Zu dem Anarchisten Michael Bakunin fällt mir ein, dass er Freimaurer war. Ein Symbol der Freimaurer ist der Reißzirkel. Solch einen Zirkel hält auch der junge Engel auf Dürers Stich in der Hand. Ich sehe den Engel als die Architektin des Universums. Anbei schicke ich euch einen Reißzirkel aus Dürers Zeiten, der euch nicht nur beim Konstruieren des Rhomboeders eine Hilfe sein soll. Wusstet ihr eigentlich, dass der Bauhaus-Meister László Moholy-Nagy ein großer Fan von Bakunin war und die Menschen mit Licht befreien wollte. Noch kurz vor seinem Tod schrieb er an Carola Giedion-Welcker: »Ich liebe Bakunin, weil er ein Mann ohne Kompromisse war. Sein Glaube an die selbstbestimmte Würde des Individuums war so mächtig, daß er ihn jede Minute seines Lebens wirklich leben musste, um es sich selbst zu beweisen. In einer Welt der totalen Dunkelheit konnte er sich nur selbst als Leuchtfeuer verbrennen. […] Eine Revolution muss gesellschaftlichen Charakter haben, nicht politischen. Ich glaube, daß wir dieses Ziel erreichen können, wenn wir die nichtpolitischen, sozialen und deshalb antipolitischen Kräfte der Massen in Stadt und Land entwickeln und organisieren. « Ich empfehle Euch hierzu das Buch von Moholy-Nagy »Vision in Motion« und die Bakunin-Biografie von Edward Hallett Carr.

 

Antwort 4:

Liebe Freunde, da habt ihr ja ganz schön was verzapft. Passt bloß auf, dass ihr nicht zu Alchimisten oder esoterischen Magiern werdet – das führt zu nichts. Allerdings ist es auch so, dass alles, was die Wissenschaft in Nachahmung der Natur oder, um ihr zu helfen, mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringt, Magie genannt wird. Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft. Wie heißt es doch in Goethes Faust so wunderbar unbeholfen: »Denn wer den Schatz, das Schöne, heben will, […] Bedarf der höchsten Kunst: Magie der Weisen.« Aber bitte fangt jetzt nicht an Faust zu lesen, es ist eigentlich Emma Goldman, die unsere Aufmerksamkeit verdient. Besorgt euch ihre Texte! Daran anknüpfend möchte ich euch noch zentrale und zeremonielle Zutaten für euren Pokal schicken: – 1,5 KG Zinn ♃. Beschäftigt euch vorher so gut es geht mit Formenbau. In Zella-Mehlis wird das kein Problem sein, denn die Einwohner*innen kennen sich seit Jahrhunderten mit Metallverarbeitung aus. Bitte beachtet, dass das Zinn noch etwas Blei ♄ enthalten könnte, weswegen es sicherheitshalber draußen geschmolzen und nur mit Handschuhen angefasst werden sollte. Während des Schmelzvorganges rührt ihr mit einem Stück Kartoffel das geschmolzene Zinn um und schöpft die entstehende Schlacke mit einem Holzstäbchen ab. (Bitte lasst etwas Zinn für den Folgeguss übrig und legt es dem Pokal bei.)

– eine Zange zum Anfassen des Zinns oder wenn ihr mal was aus dem geschmolzenen Zinn fischen oder hinzutun wollt. Ihr erinnert euch, dass sie auch in Dürers Stich vorkommt.

– 10 Gramm Bismuth, die ihr im ersten Schmelzvorgang dem geschmolzenen Zinn hinzufügt.

– 10 Gramm Gallium (in Glasflasche). Das Gallium fügt ihr im zweiten Schmelzvorgang 2040 dem Zinn hinzu. (Es kann in einem Wasserbad erhitzt werden, wodurch es flüssig wird und zu dem Zinn gegossen werden kann). Auch wenn es Spaß macht, fasst es nicht an! Ansonsten bekommt ihr graue Flecken auf der Hand. Die Seltene Erde Gallium ist auch in der Sonne enthalten und wurde bereits in einigen Kometen gefunden, was es mir als Zutat recht passend erscheinen lässt. Gallium ist jetzt schon weitaus nützlicher als Gold. Außerdem kann es in der Legierung mit Zinn wunderhübsche Rhomboeder- Einkristalle formen und darüber hinaus eine rhomboederbasierte atomare Gitterstruktur annehmen – mehr brauche ich nicht zu sagen. 2039 wird die Wissenschaft Genaueres darüber wissen.

– ein Neodym-Magnet (in Glasflasche). Den Magnet gebt ihr ebenfalls erst im Jahr 2040 in die Schmelzung.

– eine Goldmünze, 10 Goldkronen Österreich, 1912. Gold ist das Metall der Sonne. Ihr müsst es nun noch von der Macht der Herrschenden und seinem Fetischcharakter befreien. Das geht am besten, wenn ihr die Goldmünze mit dem Kopf nach oben auf den Boden legt und das Porträt von Franz Joseph I. schändet – drauftreten kann sehr befreiend wirken. Hiernach müsst ihr einen Weg finden, die Münze mit in den Rhomboeder zu schmelzen, bzw. sie mit ihm zu verbinden.

 

 

Anmerkung von Schroeter & Berger:

Wir haben den Rhomboederstumpf drei Mal wieder einschmelzen müssen, jedes Mal ließ sich die Goldmünze nicht mit ihm vereinen und zerstörte obendrein die schöne angestrebte Form. Auch das Umwickeln mit Zinndraht half nicht. Da wir den Guss aber zur Großen Konjunktion beenden mussten, haben wir aufgegeben. Dementsprechend sieht der Rhomboederstumpf

jetzt auch auf zwei Seiten nicht so gut aus, da wir die Silikonform obendrein noch etwas zu verkrampft gehalten haben. Die deutlich ramponierte Goldmünze haben wir dem Pokal beigelegt und hoffen, dass bis zum Jahr 2040 ein besserer Weg gefunden wird. Unsere Nachfolger*innen haben ja genügend Zeit. Bei Bedarf kommen wir gerne vorbei und helfen mit.

– den Satz der ersten deutschen Briefmarken, die auf dem Entwurf des aus Zella-Mehlis stammenden Kupferstechers Johann Peter Haseney beruhen. Diese hübschen Briefmarken stehen für das moderige Wertesystem, den Warenfetisch in unserer Gesellschaft, in der tausende Sammler ein quasireligiöses Verhältnis zu solchen Papierfetzen aufbauen. Schlußss damit! Nachdem der erste Pokal gegossen wurde, verbrennt ihr den Schwarzen Einser, und die folgenden Marken zu Asche: 12 Kronen Rot, 18 Kronen Gelb, 12 Kreuzer Grün und 18 Kreuzer Rot. Hiernach reibt ihr den Pokal mit der Asche der Briefmarken ein. Die verbleibenden Briefmarken werden nach dem zweiten Guss verbrannt, um dem Pokal damit seine finale Politur zu geben.

Ich wünsche euch allen viel Erfolg und hoffe, dass unser Rezept durch euer Zutun wirkmächtig wird.

D.S.E

 

 

 

 

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